Tim: Wenn man uns während der Reise durch Südafrika gefragt hat, wie uns das Land gefällt, haben wir uns sehr schwer getan, spontan so positiv zu reagieren, wie es in Kambodscha oder Australien der Fall war. Die Landschaft ist schön, teilweise kaum zu fassen: Endlose Weiten, exotische Tiere, gewaltige Berge in saftigem Grün oder als schroffes Massiv, lange breite Strände, klares Wasser usw.. Das Straßennetz ist hervorragend, das Wasser aus dem Wasserhahn trinkbar. Warum also können wir die o.g. Frage nicht so klar beantworten? Zu allererst macht die Gesellschaft hier in meinen Augen irgendwie einen kaputten Eindruck. Das liegt sehr wahrscheinlich auch an der Apartheidsvergangenheit, aber ebenso an den vielen verschiedenen Tribes (Volksstämmen), die sich selbst untereinander uneins sind, an der Strukur innerhalb der Tribes, an der durch Armut hervorgerufenen extrem hohen Kriminalitätsrate, an der Arbeitslosenquote von 30%, in manchen Landesteilen auch von bis zu 80%, uvm.

Petra: Fragt man die Südafrikaner, was ihr größtes Problem ist, dann hört man immer wieder: die Korruption. Wenn die Regierenden Geld nicht in die eigenen Tasche stecken, sondern freimütig für die Energieversorgung oder den sozialen Häuserbau locker machen, so kommt nur ein kleiner Teil bei den Projekten an. Das führt zu Versogungsengpässen und zu jeder Menge Unmut bei den Betroffenen. Daher hat auch niemand für die Parlamentswahlen im Mai große Hoffung auf Verbesserung.
Ich persönlich fand die Stimmung in vielen Teilen bedenklich. Vieles dreht sich hier um die Sicherheit, Vermieter preisen ihre Unterkünfte als safe an, die hohen Zäune sind allgegenwärtig. Capetown gilt als ziemlich sichere Stadt, doch auch hier passierte es uns, dass wir an einer Straßenkreuzung stehen blieben, um uns kurz abzusprechen und eine Frau sprach uns gleich mit der Bitte an weiterzugehen, weil dies kein sicherer Ort wäre. Tatsächlich haben wir allerdings keine einzige Situation erlebt, in der unsere Sicherheit nicht gegeben war.

Tim: Das Sicherheitsempfinden war für uns Touristen stark ortsabhängig. In Durban fühlten wir uns in unserer Haut(farbe) reichlich unwohl - überall taxierende Blicke. In Stil Bay dagegen gab es teilweise nichtmal nennenswerte Mauern bzw. Zäune, wir konnten es kaum glauben. Aber dort war der Prozentsatz weißer Einwohner ungewöhnlich hoch. Wobei sich auch die schwarze Mittelschicht andernorts hinter den üblich hohen Fassaden verbarrikadiert, wie wir es im Selfcatering-Appartment in Muizenberg erlebt haben.
Der Unterschied zwischen arm und reich spiegelt sich, wie so oft, auch im Zugang zum Bildungssystem wider. Laut den Aussagen eines frisch pensionierten Lehrers muss man für den weiterführenden Bildungsweg an einer staatlichen Highschool monatlich schon bis zu 3000 Rand (ca. 190 Euro) berappen. Privatschulen können auch schon mal 20.000 Rand (über 1200 Euro) verlangen. Dass der Mehrbetrag einen Zugewinn an Unterrichtsqualität mit sich bringt, ist allerdings sehr zweifelhaft.

Petra: Bedrückend ist die Situation vieler Frauen, vor allen in ländlichen Gebieten. 60 Prozent der Frauen sind alleinerziehend, Vergewaltigung ist eine ernstzunehemende Gefahr (jede zweite Südafrikanerin wird mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt), ebenso wie HIV. Die Chancen für Frauen, ein besseres Leben zu erlangen, sind gering.
Wir haben das Gefühl, dass Südafrika am Scheideweg steht. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob für Mandelas Regenbogennation noch Hoffnung besteht oder ob Korruption und Populismus die bestehenden Gräben im Land vertiefen.